Achterbahn der Gefühle

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Ich sitze gerade zum beinahe letzten Mal in meinem kleinen Fiätchen. Ein Blick in den Rückspiegel: Unter meinen Augen zeichnen sich immer noch die letzten Anzeichen des Abschiedsschmerzes vor wenigen Minuten ab. Es scheint mir, als hiess es erst gestern noch „ach, es dauert noch 2, 3 Monate…“, doch plötzlich sind die Tage nur so an mir vorbei gezogen, der einst dreistellige Countdown auf einmal einstellig geworden.

Ein Blick zurück: Vor etwa 365 Tagen sass ich noch auf der Schulbank. Schnell verlief die Umstellung vom Bürotisch zurück ins Schulzimmer. Mein 3 wöchiger Roadtrip in den USA ist noch nicht lange her und ich habe Blut geleckt. Gesehen, was die Ferne und die Welt da draussen zu bieten hat und Lust auf mehr bekommen. Kurz darauf fiel bereits meine Entscheidung zum kompletten Berufswechsel – weg vom Marketing und den Schritt wagen, mir meinen wieder aufgekommenen Kinderberufswunsch zur Lehrerin zu ermöglichen. Zu dem Zeitpunkt sah ich meine nächsten Jahre wie ein Drehbuch vorgeschrieben vor mir: 3 Jahre Studium, nebenbei in der Gastronomie jobben, nach dem Abschluss erstmal einen Fuss fassen und Berufserfahrung sammeln, sagen wir mal einen Klassenzug à 3 Jahre… Alles in allem aber sicherlich weder Geld noch Zeit, meinen Wunsch nach einer längeren Reise in die Ferne in absehbarer Zeit möglich zu machen. Diese Vorstellung löste in mir einen Kampf aus zwischen Fernweh & Freiheitsdrang und beruflicher Erfüllung & Sicherheit. Bis eines Tages meine Schulkollegin Debi verkündete, sie lege ein Zwischenjahr ein – die Aufnahmeprüfung für das Lehrerstudium sei ja sowieso 2 Jahre gültig. Es brauchte nur diesen kleinen Anstupser und ein einfaches „Cool, das mache ich auch! =D“, um an diesem scheinbaren Plan für die nächsten 5-10 Jahre zu rütteln. Und so kam der Ball ins Rollen, die Weltreise wurde immer konkreter und plötzlich entfernt mich nur noch 1 Nacht vor dem Abflug.

Die ganze Vorbereitungsphase hat bei mir sehr früh begonnen. Nach der bestandenen Aufnahmeprüfung und dem befristeten Wiedereinstieg in die Arbeitswelt, fielen auf einen Schlag all die Lernstunden und Wochenendjobs weg. Beinahe meine gesamte Freizeit widmete ich nun meinem Lieblingsthema: Meine Weltreise. Inspirierende Biografien wurden gelesen, Vorfreude-auslösende Fotos und Filme angeschaut, Visa beantragt, Impfungen in den Arm gespritzt…

Und dann, urplötzlich, bei einem harmlosen Grillfest, kam ein weiterer Ball ins Rollen: Ein Mann und eine Frau verliebten sich und eine Beziehung entstand. Ganz formell ausgedrückt 😀 Aber klar ist, bei der Frau handelt es sich natürlich um mich, Madame Selina, die, geflasht von den wunderbaren Gefühlen, ihre „Ich bin jetzt erst mal alleine und mache diese Reise ohne den ganzen Abschiedsschmerz“ Einstellung verblassen liess. Die Liebe kommt sowieso ungeplant. Und in diesem Zusammenhang ist meine Einstellung schon immer relativ simpel ausgedrückt: Wenn’s passt, dann passt’s. Klingt ziemlich einfach und da bin ich auch sehr ein Bauchgefühl-Mensch. Wenn es sich richtig anfühlt, muss man es doch nicht künstlich vermurksen, bis es sich falsch anfühlt. Erst kürzlich habe ich einen Satz entdeckt, der mir in diesem Moment einfällt:

oops what if

– Lieber etwas ausprobieren, auch wenn es im Nachhinein nicht ganz so rauskommt, wie man es erwartet hat, als es nie probiert zu haben.

Die Garantie, dass etwas funktioniert oder exakt so kommt, wie vorgehabt, hat man sowieso nie – weder in einer Beziehung, noch in sonstigen Bereichen des Lebens. Nicht nach einigen Monaten, aber auch nicht nach Jahrzehnten.

Und so fiel in unserem Fall die Entscheidung nach sehr vielen intensiven Gesprächen auf: Wir möchten es probieren. Weil einfach die Grundbasis stimmt und wir darauf aufbauen möchten, trotz der (temporären) Distanz. Und dieses Richtige Grundgefühl kann und muss man auch nicht in Worte fassen, denn schlussendlich ist es doch eine Sache zwischen den beiden beteiligten Menschen und nur sie können anhand ihrer Gefühle entscheiden, welche Richtung das Ganze eingehen soll. Lange begleitete mich der Satz „Ihr habt es ja von Anfang an gewusst“ – klar, der wichtige Punkt der längeren Distanz war von Anfang an ein Thema. Der Satz sagt sich auch so leicht, bis schliesslich doch der Tag des Abschieds naht und er einen nicht vor den damit verbundenen schmerzlichen Gefühlen bewahrt.

Ein Gefühlschaos entsteht. Die Angst vor dem Ungewissen, der Fremde im Ausland und den Gefahren, die einem bis anhin nur durch Medienberichte vor Augen geführt wurden. Die im Vergleich zu solchen Ängsten banal erscheinende Angst vor der Beziehungszukunft. Ebenso damit verbundene Glücksgefühle, jemanden gefunden zu haben, der alle Hebel in Bewegung setzt, den Traum miterleben zu können und mit dem man sich im „Danach“ etwas aufbauen möchte. Aber allem überwiegend: eine unglaubliche Vorfreude. Die Vorfreude auf unbeschreibliche Erlebnisse, den Kontakt zu neuen Menschen, Begegnungen mit fremden Kulturen… das Entdecken eines Freiheitsgefühls, wie es einem wohl nur eine solche Reise ermöglichen kann. Und damit trockne ich meine Abschiedstränen und freue mich auf Alles, was noch kommen wird 🙂

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